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Kyokushin Karateka in Grundstellung im Shinzen Dojo Berlin
Geschichte · Okinawa · Ryūkyū · Japan

Die Geschichte des Karate

Von den Kampfkünsten des Königreichs Ryūkyū zu einer weltweiten Budō- und Sportkultur.

  1. Station 1Fujian / FuzhouHandels- und Diplomatiekontakte
  2. Station 2Ryūkyū / OkinawaKönigreich mit eigener Wehrtradition
  3. Station 3Schuri · Naha · TomariLehrlinien des 18./19. Jahrhunderts
  4. Station 4Japanisches FestlandSchulen, Hochschulen, Budō-Verbände
  5. Station 5Weltweite VerbreitungVerbände, Wettkampf, Vollkontakt

Die Abfolge zeigt Kontakte und Ausbreitung — keinen Stammbaum. Karate entwickelte sich an mehreren Orten gleichzeitig und in mehreren Richtungen.

Belegstufen dieser Seite
  • Historisch belegt

    Durch Dokumente, amtliche Unterlagen oder institutionelle Nachweise gestützt.

  • Forschungsstand / wahrscheinlich

    In der Fachliteratur überwiegend so dargestellt, aber nicht abschließend belegbar.

  • Überlieferung / Legende

    Mündliche Überlieferung oder spätere Erzählung ohne zeitgenössischen Beleg.

Orte

Wo Karate ent­stand und sich ver­brei­tete

Elf Orte, die für die Entwicklung wichtig sind. Tippen oder klicken Sie auf einen Ort — die Erläuterung erscheint darunter.

China · FujianRyūkyū · OkinawaKyūshūHonshū

Schematische Darstellung ohne Grenzverläufe. Gestrichelte Linie: Kontakte und Wanderungswege der Übertragung — keine Abstammungslinie.

1429–1879

Ryūkyū / Okinawa 琉球 · 沖縄

Das Königreich Ryūkyū vermittelte zwischen China, Japan und Südostasien. Über Jahrhunderte entsteht hier eine eigenständige, höfisch geprägte Kampfkunsttradition — die Voraussetzung dessen, was später Karate genannt wird.

Historisch belegt
Perioden

Sieben Peri­oden — keine Stu­fen­folge

Die Einteilung ordnet Stoff, sie behauptet keine Entwicklung geradlinig von A nach B. Die Perioden laufen zeitlich parallel und greifen ineinander.

Kyokushin ist in dieser Gliederung keine eigene Periode des Karate, sondern eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts — sie hat weiter unten ihren eigenen Abschnitt.

Ein Königreich im Austausch

Seit 1372 sind tributäre Gesandtschaften des Königreichs Ryūkyū an den Ming-Hof belegt; 1392 siedelten sich chinesische Familien aus Fujian in Kumemura bei Naha an. 1429 wurde die Insel unter Shō Hashi vereint. Über diese Kanäle kamen Schriftkultur, Verwaltungswissen, Musik, Handwerk — und militärische wie körperliche Übungspraktiken.

Historisch belegt

1372 ist kein Geburtsjahr des Karate

Das Jahr wird häufig als „Ursprung des Karate“ genannt. Belegt sind damit die diplomatischen Beziehungen zu China, nicht eine Kampfkunst. Zwischen dem Beginn des Austauschs und den frühesten rekonstruierbaren Lehrlinien liegen rund vier Jahrhunderte, über die es kaum aussagekräftige Quellen gibt.

Forschungsstand / wahrscheinlich

Waffenbeschränkungen — eine umstrittene Ursprungserzählung

Nach der Invasion durch Satsuma 1609 und erneut im späteren 17. Jahrhundert gab es mehrere, zeitlich gestaffelte Beschränkungen des Waffenbesitzes — sie galten unterschiedlich für Adel, Verwaltung und Landbevölkerung. Die verbreitete Kurzformel „ein Waffenverbot erzeugte Karate“ ist in der Forschung umstritten: Die frühen Übungstraditionen sind zuerst bei der Oberschicht belegt, und die Waffen des Kobudō wurden überwiegend erst im 20. Jahrhundert als eigenes System geordnet.

Forschungsstand / wahrscheinlich
  • 手tī / te„Hand“ — okinawanische Bezeichnung für die einheimische Kampftechnik.
  • 唐手tōdī / tōde„Hand der Tang“ — Bezeichnung für die chinesisch beeinflusste Kampfkunst.

Schrift

唐手 → 空手 → 空手道

Drei Schreibweisen, drei Aussagen über dasselbe. Der Wechsel der Zeichen ist eine der klarsten Quellen für den Wandel des Selbstverständnisses.

唐手tōdī / tōde„Hand der Tang“

Die ältere Bezeichnung für die aus China beeinflusste Kampfkunst Okinawas. 唐 steht für die Tang-Dynastie und meinte allgemein China — die Schreibweise benannte also Herkunft und Bezug, nicht den Inhalt. Bis in die 1930er Jahre verwendete auch die Festlandsliteratur 唐手.

Historisch belegt
空手karate„leere Hand“

Seit den späten 1920er Jahren setzte sich auf dem Festland die Schreibweise 空手 durch. Sie liest sich weiterhin „karate“, betont aber die Waffenlosigkeit. In Okinawa wurde der Wechsel 1936 in einer Gesprächsrunde der Meister mit Verwaltung, Militär und Presse erörtert — ein Beleg dafür, dass Nomenklatur auch Verwaltungssache war.

Forschungsstand / wahrscheinlich
空手道karate-dō„Weg der leeren Hand“

Die Ergänzung 道 (dō, „Weg“) ordnet Karate in die Reihe der japanischen Budō-Künste ein — neben Jūdō, Kendō und Kyūdō. Funakoshis Standardwerk trug diesen Titel 1935 bereits im Namen. Die Bezeichnung beschreibt ein Selbstverständnis: Übung als Weg, nicht nur als Technik.

Historisch belegt
唐手空手空手道

Der Wechsel verlief nicht geradlinig: Beide Schreibweisen waren lange parallel in Gebrauch, und in Okinawa wurde die Frage ausdrücklich verhandelt. Wer heute von „Karate“ spricht, verwendet die jüngere der drei Formen.

Personen

Men­schen, die Karate formten

Überlieferer, Lehrer, Gründer. Die Karten nennen Lehrverhältnisse und kennzeichnen, wie sicher sie belegt sind.

Wir zeigen Bilder nur mit geklärter Herkunft und Lizenz: historische Fotografien aus gemeinfreien Beständen sowie gezeichnete Porträts des Okinawa Karate Kaikan (CC0), jeweils mit Nachweis und Lizenzangabe an der Karte. Gezeichnete Porträts sind als solche gekennzeichnet — sie belegen die Überlieferung, nicht das Aussehen einer Person. Erzeugte Bildnisse historischer Personen zeigen wir nicht; wo kein belegtes Bilddokument vorliegt, steht der Hinweis an der Karte.

18 Personen in dieser Auswahl.

Gezeichnetes Porträt von Sakugawa Kanga

Gezeichnetes Museumsporträt · keine Fotografie

Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

Sakugawa Kanga

佐久川 寛賀

Lebensdaten
1733–1815
Ort
Schuri · Okinawa

Erste Person, mit der eine überlieferte Lehrlinie des Tōde verbunden wird. Verbindet chinesische Kempō-Einflüsse mit der okinawanischen Übertradition.

Gezeichnetes Porträt von Matsumura Sōkon

Gezeichnetes Museumsporträt · keine Fotografie

Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

Matsumura Sōkon

松村 宗棍

Lebensdaten
1809–1899
Ort
Schuri · Okinawa

Diente dem Hof in Schuri und unterrichtete die folgende Generation. Gilt als zentrale Figur der Schuri-Linie — seine Stellung ist vergleichsweise gut überliefert.

松茂良 興作Matsumora Kōsaku

Kein belegtes, rechtegeklärtes Bilddokument verfügbar.

Matsumora Kōsaku

松茂良 興作

Lebensdaten
1829–1898
Ort
Tomari · Okinawa

Steht für die Übertradition des Hafenviertels Tomari. Die Bezeichnung „Tomari-te“ ist eine spätere Sammelbezeichnung.

Gezeichnetes Porträt von Aragaki Seishō

Gezeichnetes Museumsporträt · keine Fotografie

Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

Aragaki Seishō

新垣 世璋

Lebensdaten
1840–um 1918
Ort
Naha / Schuri · Okinawa

Vermittelte zwischen den Linien: Sein Unterricht erreichte sowohl Schuri- als auch Naha-Kreise. Wichtig, weil er zeigt, dass die drei „Zentren“ keine abgeschlossenen Schulen waren.

Historische Aufnahme von Itosu Ankō, um 1909/1910

Präfekturbibliothek Okinawa, um 1909/1910 · Gemeinfrei · Nachweis

Itosu Ankō

糸洲 安恒

Lebensdaten
1831–1915
Ort
Schuri · Okinawa

Führte Karate in den Schulunterricht Okinawas hinein, ordnete Techniken und vereinfachte Kata für den Gruppenunterricht (später Pinan/Heian). Seine Denkschrift von 1908 ist ein Schlüsseldokument der Modernisierung.

安里 安恒Asato Ankō

Kein belegtes, rechtegeklärtes Bilddokument verfügbar.

Asato Ankō

安里 安恒

Lebensdaten
1828–1906
Ort
Schuri · Okinawa

Vertreter der Schuri-Linie mit breiter Praxis (auch Waffen und Ringen). Gemeinsam mit Itosu prägte er die Ausbildung von Funakoshi Gichin.

Historische Aufnahme von Higaonna Kanryō, um 1900

Historische Aufnahme, um 1900 · Gemeinfrei · Nachweis

Higaonna Kanryō

東恩納 寛量

Lebensdaten
1853–1916
Ort
Naha · Okinawa

Prägte die Naha-Linie mit ausgeprägter Atem- und Kraftarbeit. Aus seinem Unterricht gingen mehrere der bekanntesten Stilgründungen hervor.

Historische Aufnahme von Motobu Chōki, 1932

Aufnahme von 1932 · Gemeinfrei · Nachweis

Motobu Chōki

本部 朝基

Lebensdaten
1870–1944
Ort
Schuri · Okinawa

Stellte die Anwendung und den Zweikampf in den Mittelpunkt und trat damit auch auf dem Festland öffentlich auf. Sein Buch von 1926 dokumentiert Kumite praktisch, nicht nur als Form.

Historische Aufnahme von Kyan Chōtoku

Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

Kyan Chōtoku

喜屋武 朝徳

Lebensdaten
1870–1945
Ort
Schuri · Okinawa

Verband Lehrgut aus Schuri und Naha und galt als Meister der praktischen Anwendung. Über seine Schüler wirkte er weit in die Nachkriegsorganisationen Okinawas hinein.

Historische Aufnahme von Hanashiro Chōmo

Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

Hanashiro Chōmo

花城 長茂

Lebensdaten
1869–1945
Ort
Schuri · Okinawa

Bewahrte und verbreitete die Kata-Überlieferung Itosus und war an den Versuchen zur Selbstorganisation des okinawanischen Karate in den 1920er Jahren beteiligt.

Historische Aufnahme von Chibana Chōshin

Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

Chibana Chōshin

知花 朝信

Lebensdaten
1885–1969
Ort
Schuri · Okinawa

Hielt die Schuri-Überlieferung bewusst fest und gab ihr später den Namen Shōrin-ryū. Sein Beispiel zeigt, dass die Stilnamen auch in Okinawa erst nachträglich gesetzt wurden.

Historische Aufnahme von Funakoshi Gichin, 1924

Aufnahme von 1924 · Gemeinfrei · Nachweis

Funakoshi Gichin

船越 義珍

Lebensdaten
1868–1957
Ort
Schuri · später Tokio

Verbreitete Karate durch Vorführungen (ab 1916/17) und Lehre auf dem Festland; 1922 erschien sein Lehrbuch 琉球 Kenpō Tōde, 1935 空手道教範. Er war Vermittler einer Schuri-Überlieferung, nicht ihr Urheber.

Historische Aufnahme von Miyagi Chōjun, 1938

Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

Miyagi Chōjun

宮城 長順

Lebensdaten
1888–1953
Ort
Naha · Okinawa

Führte die Naha-Linie zur später Gōjū-ryū genannten Schule, wirkte an der Standardisierung in Okinawa mit und lehrte auch außerhalb Japans.

Historische Aufnahme von Mabuni Kenwa

Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

Mabuni Kenwa

摩文仁 賢和

Lebensdaten
1889–1952
Ort
Schuri · später Osaka

Verband Schuri- und Naha-Lehrgut in einem System (später Shitō-ryū) und machte es in der Kansai-Region bekannt. Seine Veröffentlichungen dokumentieren den Übergang von Überlieferung zu Lehrbuch.

Historische Aufnahme von Ōtsuka Hironori

Wikimedia Commons (Hochladung mit eigener Lizenzangabe) · CC BY-SA 4.0 · Nachweis

Ōtsuka Hironori

大塚 博紀

Lebensdaten
1892–1982
Ort
Shimotsuma · später Tokio

Erster Gründer eines großen Stils, der nicht aus Okinawa stammte. Verband Karate mit Prinzipien aus dem Jūjutsu und schuf mit Wadō-ryū eine eigenständige Richtung.

Historische Aufnahme von Uechi Kanbun

Historische Aufnahme · Gemeinfrei · Nachweis

Uechi Kanbun

上地 完文

Lebensdaten
1877–1948
Ort
Motobu · Okinawa

Brachte aus Fuzhou ein System mit, das über die Familientradition zur Schule Uechi-ryū wurde. Steht beispielhaft für den chinesischen Zweig, der in Okinawa eigenständig weiterlebte.

Historische Aufnahme von Nagamine Shōshin

Wikimedia Commons (Hochladung mit eigener Lizenzangabe) · CC BY-SA 4.0 · Nachweis

Nagamine Shōshin

長嶺 将真

Lebensdaten
1907–1997
Ort
Naha · Okinawa

Verband Lehrgut mehrerer okinawanischer Linien und begründete die nach ihm benannte Schule Matsubayashi-ryū. War als Polizeiausbilder tätig und wirkte in der Nachkriegsorganisation Okinawas.

Masutatsu Oyama, Gründer des Kyokushin Karate

Historische Aufnahme aus dem Medienbestand des Shinzen Dojo Berlin

Ōyama Masutatsu

大山 倍達

Lebensdaten
1923–1994
Ort
Gimje, Korea · später Tokio

Entwickelte aus Tokioter Nachkriegstraining und Wettkampferfahrung ein Karate des Vollkontakts und organisierte es ab 1964 international. Seine Biografie ist in Teilen Selbstzeugnis — Angaben zu Lehrern und Ausbildungswegen weichen zwischen Quellen ab.

Linien

Lehr­ver­hält­nisse und Ein­flüsse

Durchgezogene Linie: belegtes Lehrer-Schüler- oder Gründungsverhältnis. Gestrichelte Linie: historischer oder technischer Einfluss (◐). Es gibt keinen Knoten, von dem alle Linien ausgehen.

Fujian18. Jh.19. Jh.um 19001910–1930ernach 1945ab 1964Sakugawa Kanga — 1733–1815Sakugawa Kanga1733–1815Matsumura Sōkon — 1809–1899Matsumura Sōkon1809–1899Matsumora Kōsaku — 1829–1898Matsumora Kōsaku1829–1898Aragaki Seishō — 1840–um 1918Aragaki Seishō1840–um 1918Itosu Ankō — 1831–1915Itosu Ankō1831–1915Asato Ankō — 1828–1906Asato Ankō1828–1906Higaonna Kanryō — 1853–1916Higaonna Kanryō1853–1916Motobu Chōki — 1870–1944Motobu Chōki1870–1944Kyan Chōtoku — 1870–1945Kyan Chōtoku1870–1945Hanashiro Chōmo — 1869–1945Hanashiro Chōmo1869–1945Chibana Chōshin — 1885–1969Chibana Chōshin1885–1969Funakoshi Gichin — 1868–1957Funakoshi Gichin1868–1957Miyagi Chōjun — 1888–1953Miyagi Chōjun1888–1953Mabuni Kenwa — 1889–1952Mabuni Kenwa1889–1952Ōtsuka Hironori — 1892–1982Ōtsuka Hironori1892–1982Uechi Kanbun — 1877–1948Uechi Kanbun1877–1948Nagamine Shōshin — 1907–1997Nagamine Shōshin1907–1997Ōyama Masutatsu — 1923–1994Ōyama Masutatsu1923–1994Kempō in Fuzhou — Fujian · AustauschKempō in FuzhouFujian · AustauschShōtōkan — Funakoshi · TokioShōtōkanFunakoshi · TokioGōjū-ryū — Miyagi · NahaGōjū-ryūMiyagi · NahaShitō-ryū — Mabuni · OsakaShitō-ryūMabuni · OsakaWadō-ryū — Ōtsuka · TokioWadō-ryūŌtsuka · TokioShōrin-ryū — Chibana · OkinawaShōrin-ryūChibana · OkinawaUechi-ryū — Uechi · OkinawaUechi-ryūUechi · OkinawaMatsubayashi-ryū — Nagamine · OkinawaMatsubayashi-ryūNagamine · OkinawaKyokushin — Ōyama · Tokio 1964KyokushinŌyama · Tokio 1964
Stile

Rich­tun­gen und ihre Ent­ste­hung

Stilnamen entstanden, als das Budō-Wesen eindeutige Zuordnungen verlangte. Sie bündeln Überlieferungen — sie bewerten sie nicht.

Die vier großen Stile des Festlands

Diese Zusammenstellung folgt der Verbandstradition Japans. Sie ist ein Ordnungsmuster des 20. Jahrhunderts.

Okinawanische Linien

Diese Richtungen wurden in Okinawa gepflegt und überwiegend erst nachträglich benannt. Sie folgen nicht der Festlandslogik der großen Stile.

Ausgewählt

Shōtōkan 松濤館流

Gründer
Funakoshi Gichin (1868–1957)
Herkunft
Schuri (Okinawa) über Tokio
Prägende Einflüsse
Schuri-Überlieferung (Asato, Itosu); Anpassung an japanische Budō-Formen
Zeitliche Einordnung
Name ab den 1930er Jahren
Historische Rolle
Zuerst auf dem Festland verbreiteter Stil; wurde über Hochschulen und Verbände international zum bekanntesten Karate Japans.
Historisch belegt

Kein Stil ist die Weiterentwicklung der anderen. Die Unterschiede beruhen auf unterschiedlichen Lehrwegen, Schwerpunkten und regionalen Trägern — nicht auf einer Rangfolge.

Vollkontakt

Kyo­kus­hin — Voll­kon­takt als neue Rich­tung

Eine Richtung der Nachkriegszeit: aus Tokioter Karate, Budō-Erfahrung und der Frage, wie Zweikampf ohne Schutzausrüstung aussehen kann.

Herkunft und Ausbildung

Ōyama Masutatsu wurde 1923 als Choi Yeong-eui in Gimje (Korea) geboren und ging 1938 nach Japan. Nach dem Krieg studierte er in Tokio und trainierte im Umfeld des Shōtōkan — nach eigenen Angaben im Dōjō der Familie Funakoshi — sowie mehrere Jahre Gōjū-ryū, unter anderem bei So Nei-chu und Yamaguchi Gōgen. Hinzu kam Unterricht bei Yoshida Kōtarō. Die Gewichtung dieser Ausbildungswege wird in den Quellen unterschiedlich dargestellt; Teile seiner Biografie beruhen auf Selbstzeugnissen.

Forschungsstand / wahrscheinlich

Vollkontakt als eigene Antwort

In den späten 1940er Jahren zog sich Ōyama zu intensivem Training zurück; in den frühen 1950er Jahren begann er in Tokio zu unterrichten. Sein Umfeld war geprägt von der Diskussion über realitätsnahen Zweikampf: In Tokio wurde damals auch mit Schutzausrüstung gekämpft. Ōyama entschied sich für den Weg ohne Schutzausrüstung im Wettkampf — daraus wurde das Merkmal des Kyokushin.

Forschungsstand / wahrscheinlich

Wettkampf als Organisationsform

1969 fand in Tokio die erste offene japanische Meisterschaft statt, 1975 folgte die erste Weltmeisterschaft des Vollkontakt-Karate — ebenfalls in Tokio. Offene Klassen statt Verbandsauswahl und der Verzicht auf Schutzausrüstung machten diese Wettkämpfe international bekannt. Aus dem Umfeld Ōyamas entwickelte sich später auch der japanische Kickboxsport.

Historisch belegt

Verbreitung und Zersplitterung

Kyokushin verbreitete sich über Schüler und Auslandsvertretungen weltweit. Nach dem Tod Ōyamas 1994 zerfiel die Organisation in mehrere Verbände, die sich jeweils auf seine Lehre berufen. Die Zersplitterung ist keine Besonderheit des Kyokushin, sondern ein für große Kampfkunstorganisationen des 20. Jahrhunderts typischer Vorgang.

Historisch belegt
Ōyama Masutatsu beim Training, Presseaufnahme von 1951

Ōyama Masutatsu, Presseaufnahme von 1951 aus der Zeit seines Trainings in Tokio — vor der Gründung einer eigenen Organisation.

Aus: ゴング格闘技 (1951) · Gemeinfrei · Nachweis

Ōyama Masutatsu in einer Karate-Position, Presseaufnahme von 1954

Ōyama Masutatsu, Presseaufnahme von 1954. Die Bilder dieses Abschnitts sind zeitgenössische Pressefotografien, keine Werbeaufnahmen.

Aus: ゴング格闘技 (1954) · Gemeinfrei · Nachweis

Kyokushin ist keine Epoche des Karate und kein Endpunkt seiner Geschichte. Es steht neben den okinawanischen Linien, dem Budō-Karate, dem Universitätskarate und dem Wettkampfkarate — mit eigener Organisation, eigenen Regeln und eigener Wirkung.

Epilog

Unsere eigene Linie

Wie unsere Praxis mit der Geschichte darüber zusammenhängt — transparent und ohne den Anspruch, selbst Geschichte zu sein.

Stufe 1

Vollkontakt-Karate

Kyokushin, 1964 in Tokio von Ōyama Masutatsu gegründet. Eine Richtung der Nachkriegszeit, wie sie im Abschnitt darüber beschrieben ist.

Stufe 2

Unsere Organisation

Unser Verband führt seine Tradition als IKO World Zen-Kyokushin weiter und wurde 2019 gegründet. Angaben zur eigenen Organisation sind Selbstauskunft unserer Gemeinschaft.

Stufe 3

Shinzen Dojo Berlin

2019 gegründet von Sensei Anh Son Le (3. Dan Kyokushin). Training in Berlin-Steglitz (Kinder und Jugendliche, samstags) und Berlin-Schöneberg (Erwachsene).

Unsere Linie geht auf das Vollkontakt-Karate zurück, nicht auf die okinawanischen Überlieferungen unmittelbar. Wir trainieren damit einen Zweig, dessen Wurzeln über die Tokioter Nachkriegszeit in die Schuri- und Naha-Traditionen zurückreichen — so, wie es die Linien-Grafik auf dieser Seite zeigt. Details zu den Organisationen des Kyokushin und zu unserer Trainerlinie stehen auf den verlinkten Seiten.

Zeitstrahl

Ereig­nisse nach Inter­esse

Filtern Sie nach Epoche, Ort und Art des Ereignisses. Jedes Ereignis nennt seine Quelle.

Periode
Ort
Art
31 Ereignisse
Originalquellen

Ori­gi­nal­quel­len ent­de­cken

Dokumente und Bestände, über die sich die Aussagen dieser Seite nachprüfen lassen. Die Links führen zu den haltenden Einrichtungen.

1922 (大正11)

Ryūkyū Kenpō Tōde

琉球拳法 唐手

Funakoshi Gichin (富名腰義珍)

Das erste in Tokio erschienene Lehrbuch des Karate. Es hält den Stand der Technik fest, bevor in Japan Dan-Grade, Wettkampf oder Stilnamen üblich wurden. Der Okinawa-Bibliothekar und NDL-Nachweis weist die Erstausgabe aus; der Volltext ist in den Digital Collections der Nationalbibliothek frei zugänglich.

National Diet Library Japan (Digital Collections)

1935 (昭和10)

Karate-dō Kyōhan

空手道教範

Funakoshi Gichin (船越義珍)

Das Standardwerk des Shōtōkan. Die Erstausgabe von 1935 erscheint hier bereits unter dem Titel 空手道 — Beleg dafür, dass sich Schreibweise und Selbstverständnis des Karate in den 1930er Jahren verschoben. Zahlreiche Nachauflagen folgten.

日本空手道 松濤會 (Stilorganisation, Bibliografie)

25. Oktober 1936 (昭和11)

Karate-Za-Dankai — Gesprächsrunde der Karate-Meister

空手座談会

Veranstalter: Zeitung Ryūkyū Shinpō (琉球新報)

Auf Einladung der Zeitung Ryūkyū Shinpō diskutierten in Naha Karate-Meister gemeinsam mit Vertretern der Präfekturverwaltung, von Militär und Polizei sowie der Presse über die Bezeichnung des Karate und über die Vereinheitlichung der Kata. Das Präfekturarchiv Okinawa führt den Tag als „Tag des Karate“ (空手の日). Der Anlass ist ein Dokument dafür, dass Nomenklatur und Standardisierung Ergebnis einer Verwaltungs- und Institutionengeschichte sind.

Okinawa Prefectural Archives (沖縄県公文書館)

1908 (明治41)

Denkschrift zur Einführung des Karate an Schulen

糸洲安恒 — 学校体育への唐手導入に関する文書 (1908)

Itosu Ankō (糸洲安恒, 1831–1915)

Itosu legte der Präfekturverwaltung seine Auffassung dar, Karate als Schulfach zu unterrichten — verbunden mit der Anpassung von Techniken und Kata an den Schulbetrieb. Der Vorgang gilt als Schlüsseldokument der Modernisierung: Karate wird vom persönlich überlieferten Können zum Lehrstoff.

Dokumentiert über Institutionen in Okinawa (OKIC, Okinawa Karate Kaikan)

laufend aktualisiert

Forschungs- und Quellenwegweiser der Präfekturbibliothek Okinawa

沖縄県立図書館 —「空手を知るための10冊」

Okinawa Prefectural Library (沖縄県立図書館)

Auswahlbibliografie zu Okinawa-Karate mit bibliografischen Angaben und Einordnung der Titel — ein praktischer Einstieg, um historische Aussagen bis zur Quelle zurückzuverfolgen.

Okinawa Prefectural Library

Quellen

Quellen und Methode

Diese Seite stützt sich auf Institutionen und Fachliteratur. Zusammenfassungen aus dem Netz und Enzyklopädie-Einträge werden nicht als Beleg verwendet.

Japanische Primärquellen, Bibliotheken und Archive

Frühe Karate-Literatur und amtliche Dokumente. Die beiden Standardwerke Funakoshis sind über die Nationalbibliothek Japans erschlossen.

Institutionen in Okinawa

Landes- und Präfektureinrichtungen, die Okinawa-Karate als Kulturerbe dokumentieren, erforschen und vermitteln.

Verbände und Stilorganisationen

Die Institutionen, die Stile standardisiert und verbreitet haben. Verbandsdarstellungen sind Selbstzeugnisse — sie werden hier als solche gelesen.

Forschung und Fachliteratur

Wissenschaftliche Beiträge zur Institutionalisierung und zur Terminologie des Karate.

Sport und Olympische Spiele

Dokumentation des olympischen Intermezzos 2021 — ein Kapitel der Sportgeschichte, nicht der Kampfkunstgeschichte.

Drei Belegstufen statt einer Behauptung

Historisch umstrittene Fragen werden nicht geglättet. Jede Aussage ist einer Stufe zugeordnet: ● historisch belegt, ◐ Forschungsstand oder wahrscheinlich, ○ Überlieferung oder Legende.

Amtliche und institutionelle Quellen zuerst

Vorrang haben Einrichtungen der Präfektur Okinawa, das Präfekturarchiv Okinawa, Okinawa Karate Kaikan, das Okinawa Karate Information Center, die Nationalbibliothek Japans, die Verbände sowie Fachliteratur mit Nachweisen. Zusammenfassungen aus dem Netz und Enzyklopädie-Einträge dienen nicht als Beleg.

Widersprüche bleiben sichtbar

Wo Quellen abweichen — etwa bei den genauen Lebensdaten einzelner Meister oder beim Anteil der Persönlichkeiten am Ausbau des Karate — werden die abweichenden Angaben genannt, statt die günstigste Lesart zu wählen.

Bilder

Die Seite verwendet historische Fotografien nur dort, wo Authentizität und Nutzung geklärt sind. Es werden keine Bildnisse erzeugt, die wie historische Aufnahmen aussehen könnten.

Bilder und Illustrationen

Die Bilddokumente dieser Seite stammen aus gemeinfreien oder frei lizenzierten Beständen; das Bild im Kopf ist eine eigene Aufnahme des Dojos. Herkunft, Lizenz und Nachweis stehen an jedem Bilddokument. Gezeichnete Porträts des Okinawa Karate Kaikan (CC0) sind als Zeichnung gekennzeichnet. Die Darstellungen in den Perioden III und VII sind Illustrationen der Redaktion: Sie zeigen eine beschriebene Situation, keine überlieferte Aufnahme. Erzeugte Bildnisse historischer Personen verwendet diese Seite nicht.

  • Sakugawa Kanga — gezeichnetes Museumsporträt

    Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

  • Matsumura Sōkon — gezeichnetes Museumsporträt

    Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

  • Aragaki Seishō — gezeichnetes Museumsporträt

    Okinawa Karate Kaikan · CC0 · Nachweis

  • Itosu Ankō — historische Aufnahme

    Präfekturbibliothek Okinawa, um 1909/1910 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Higaonna Kanryō — historische Aufnahme

    Historische Aufnahme, um 1900 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Motobu Chōki — historische Aufnahme

    Aufnahme von 1932 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Kyan Chōtoku — historische Aufnahme

    Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Hanashiro Chōmo — historische Aufnahme

    Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Chibana Chōshin — historische Aufnahme

    Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Funakoshi Gichin — historische Aufnahme

    Aufnahme von 1924 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Miyagi Chōjun — historische Aufnahme

    Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Mabuni Kenwa — historische Aufnahme

    Aus: Nakasone Genwa, 1938 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Ōtsuka Hironori — historische Aufnahme

    Wikimedia Commons (Hochladung mit eigener Lizenzangabe) · CC BY-SA 4.0 · Nachweis

  • Uechi Kanbun — historische Aufnahme

    Historische Aufnahme · Gemeinfrei · Nachweis

  • Nagamine Shōshin — historische Aufnahme

    Wikimedia Commons (Hochladung mit eigener Lizenzangabe) · CC BY-SA 4.0 · Nachweis

  • Illustration: Schul- und Vereinspraxis um 1900

    Illustration des Shinzen Dojo Berlin

  • Gruppenaufnahme nach dem Butokusai des Dai Nippon Butokukai, 1938

    Aus: 実戦!ケンカ空道家列伝 · Gemeinfrei · Nachweis

  • Gruppenaufnahme von Karate-Meistern in Tokio, 1930er Jahre

    Aus: 空手道一路 (1956) · Gemeinfrei · Nachweis

  • Miyagi Chōjun während seines Aufenthalts in Hawaii, 1934/35

    Reproduktion aus: Hawai Okinawa-kenjin Hattenshi (1941) · CC BY-SA 4.0 (Scan) · Nachweis

  • Illustration: Verbreitung des Karate heute

    Illustration des Shinzen Dojo Berlin

  • Ōyama Masutatsu beim Training, Presseaufnahme von 1951

    Aus: ゴング格闘技 (1951) · Gemeinfrei · Nachweis

  • Ōyama Masutatsu in einer Karate-Position, Presseaufnahme von 1954

    Aus: ゴング格闘技 (1954) · Gemeinfrei · Nachweis

Japanische Titel sind im Original angegeben; die deutschen Erläuterungen stammen vom Shinzen Dojo Berlin. Wo Quellen voneinander abweichen, steht das an der jeweiligen Aussage — nicht in einer Fußnote am Seitenende.

Häufige Fragen

Geschichte erklärt

Kyokushin im Training kennenlernen

Wer Kyokushin nicht nur lesen, sondern praktisch kennenlernen möchte, kann das Training des Shinzen Dojo Berlin besuchen. Erwachsene trainieren in Berlin-Schöneberg, Kinder und Jugendliche in Berlin-Steglitz.