Gōjū-Ryū trifft Kyokushin: Einblicke in das Meibukan Karate mit Hanshi Akihito Yagi
Karate hat viele Gesichter. Wer Karate wirklich verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur den eigenen Stil kennen, sondern auch bereit sein, von anderen Linien zu lernen.
Am 9. August 2026 bot sich in Berlin genau diese Gelegenheit: Beim internationalen Meibukan Gōjū-Ryū Seminar mit Hanshi Akihito Yagi konnten Karateka aus unterschiedlichen Richtungen gemeinsam trainieren und einen unmittelbaren Einblick in eine traditionelle Okinawa-Karate-Linie erhalten.

Die International Meibukan Gojyu-Ryu Karate-do Association führt Yagi als ihren Hanshi und veranstaltete am 8. und 9. August 2026 ein internationales Seminar in Berlin.
Für das Shinzen Dojo Berlin war die Teilnahme eine besondere Möglichkeit, über die Grenzen des eigenen Kyokushin-Trainings hinauszuschauen.
Karate endet nicht an den Grenzen eines Stils
Kyokushin Karate ist die Heimat des Shinzen Dojo Berlin. Kihon, Kata und Kumite bilden die Grundlage unseres Trainings. Der Vollkontakt, die körperliche Herausforderung und die Fähigkeit, auch unter Druck weiterzumachen, prägen unseren Weg.
Gleichzeitig bedeutet die Beschäftigung mit Kyokushin nicht, andere Formen des Karate auszublenden.
Im Gegenteil.
Wer sich ernsthaft mit Karate beschäftigt, entdeckt immer wieder Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Ryūha und Trainingsmethoden. Genau dieser Austausch kann helfen, das eigene Karate besser zu verstehen.
Nicht alles muss übernommen werden. Aber vieles kann zum Nachdenken anregen.
Für Sensei Son Le, Gründer und Leiter des Shinzen Dojo Berlin, war das Seminar deshalb vor allem eine Gelegenheit, als Karateka und Lehrer weiterzulernen und neue Perspektiven kennenzulernen.
Meibukan Gōjū-Ryū: Karate aus Okinawa
Hanshi Akihito Yagi steht für die Meibukan-Linie des Gōjū-Ryū Karate-dō. Die Meibukan-Tradition geht auf seinen Großvater Meitoku Yagi zurück, der direkt unter Gōjū-Ryū-Begründer Chōjun Miyagi trainierte.

Im Meibukan-System nimmt neben Kihon und Kata insbesondere das Yakusoku Kumite einen wichtigen Platz ein. Dabei geht es nicht ausschließlich um freies Kämpfen, sondern um festgelegte Partnerübungen, in denen Distanz, Timing, Reaktion, Verteidigung und Gegenangriff systematisch trainiert werden.
Gerade für Karateka aus dem Kyokushin ist dieser Blickwinkel interessant.
Denn obwohl sich die Trainingsformen unterscheiden, begegnen einem viele bekannte Prinzipien:
- Distanz und Timing
- Körperstruktur
- Stabilität
- Angriff und Verteidigung
- Reaktion unter Druck
- Kontrolle der eigenen Bewegung
- Kata als Grundlage für Anwendung
- Partnerarbeit als Verbindung zwischen Technik und Praxis
Kihon, Kondition und Körperarbeit
Der 2. Seminartag begann nicht ausschließlich mit ruhigen technischen Übungen.
Auch körperlich fordernde Elemente gehörten zum Training. Explosive Sprungübungen, schnelle Bewegungen und Konditionierung forderten die Teilnehmer bereits zu Beginn.
Damit wurde deutlich: Traditionelles Karate bedeutet keineswegs, dass körperliche Leistungsfähigkeit keine Rolle spielt.
Der Körper ist das Werkzeug.
Technik muss nicht nur verstanden, sondern auch ausgeführt werden können.
Gerade diese Verbindung zwischen Technik und körperlicher Vorbereitung war ein interessanter Aspekt des Seminars.
Kata nicht nur als Form, sondern als Anwendung
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den Kata.
Trainiert wurden unter anderem Gekisai und Saifa sowie weitere Kata des Gōjū-Ryū- und Meibukan-Systems. Das Meibukan-Kata-System umfasst neben den klassischen Gōjū-Ryū-Kata auch eigene Meibukan-Kata wie Tenchi, Seiryu, Byakko, Shujaku und Genbu.
Dabei ging es nicht lediglich darum, die Bewegungsabfolge einer Kata zu reproduzieren.
Yagi zeigte vielmehr, wie einzelne Bewegungen verstanden und als Anwendung interpretiert werden können.
Kata wird dadurch vom „Ablaufen einer Form“ zu einem Werkzeug für das Verständnis von Karate.
Gerade dieser Ansatz ist für Karateka aus unterschiedlichen Stilrichtungen spannend. Viele Bewegungen, die auf den ersten Blick wie reine Block-, Schlag- oder Stellungsübungen wirken, erhalten durch die Partnerarbeit eine ganz andere Bedeutung.
Renzoku Kumite und Kakomi Kumite
Besonders interessant waren die verschiedenen Formen des Yakusoku Kumite.
Eine Übung entsprach dem, was im Meibukan als Renzoku Kumite bezeichnet wird. Dabei wechseln sich Angriff und Verteidigung in einer festgelegten Sequenz ab und verbinden verschiedene Angriffsbereiche wie Jōdan, Chūdan und Gedan.
Die Meibukan-Beschreibung spricht von einer Sequenz mit 26 Schritten.
Noch eindrucksvoller war Kakomi Kumite.
Dabei steht ein Karateka in der Mitte, während vier weitere Karateka aus den vier Richtungen angreifen. Die Übung verlangt deshalb nicht nur technische Genauigkeit, sondern auch räumliche Orientierung, Aufmerksamkeit und schnelle Reaktion.
Gerade hier zeigt sich eine interessante Gemeinsamkeit verschiedener Karate-Stile:
Karate trainiert nicht nur die Technik selbst, sondern auch die Fähigkeit, eine Situation wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Wenn Kyokushin auf Gōjū-Ryū trifft
Ein besonderer Moment des Seminars entstand bei den Partnerübungen.
Als Vollkontakt-Karateka brachte Sensei Son Le dabei seine Erfahrung aus dem Kyokushin in die gemeinsame Arbeit ein. Gemeinsam mit Yagi Sensei wurden verschiedene Möglichkeiten der Abwehr und Reaktion auf Schläge ausprobiert.
Für die Teilnehmer war es gleichzeitig ein interessanter Vergleich zweier Perspektiven:
- Wie reagiert ein traditionelles Okinawa-Karate auf einen Angriff?
Und:
- Wie unterscheidet sich diese Reaktion von dem, was ein Kyokushin-Kämpfer aus dem Vollkontakt gewohnt ist?
Es ging dabei nicht darum, einen Stil gegen einen anderen auszuspielen.
Im Gegenteil.
Gerade die Unterschiede machen den Austausch wertvoll.
Ein besonderer Moment: Seipai
Am Ende des Seminars kamen die höheren Karateka zusammen.
Nacheinander wurden Kata gezeigt.
Als bekannt wurde, dass ein Kyokushin-Karateka dabei war, fiel die Aufforderung:
„Kyokushin – Seipai.“
Damit wurde eine Kata ausgewählt, die in unterschiedlichen Gōjū-Ryū- und Kyokushin-Traditionen bekannt ist – allerdings je nach Stil und Linie mit unterschiedlichen Ausführungen.
Sensei Son Le zeigte daraufhin Seipai aus seiner Kyokushin-Perspektive.
Ein kleiner Moment, der sehr schön für das stand, was dieses Seminar insgesamt ausmachte:
Unterschiedliche Wege können dieselbe Leidenschaft für Karate verbinden.
Was Kyokushin von anderen Karate-Stilen lernen kann
Der Blick über den eigenen Stil hinaus bedeutet nicht, die eigene Identität aufzugeben.
Kyokushin bleibt Kyokushin.
Der Vollkontakt, die Härte des Trainings, die besondere Bedeutung des Kumite und die charakteristische körperliche und mentale Entwicklung gehören zum eigenen Weg.
Doch gerade deshalb kann es wertvoll sein, andere Perspektiven kennenzulernen.
Ein Gōjū-Ryū-Karateka kann einen Kyokushin-Kämpfer auf andere Aspekte von Körperstruktur, Atmung, Distanz oder Kata-Anwendung aufmerksam machen.
Ein Kyokushin-Karateka bringt wiederum Erfahrungen aus einer sehr direkten Form des Kumite mit.
Karate wird größer, wenn man bereit ist, voneinander zu lernen.
Karate als gemeinsamer Weg
Für das Shinzen Dojo Berlin bedeutet Karate nicht, dass man ausschließlich innerhalb der eigenen Stilrichtung lernen darf.
Kyokushin ist unser Weg.
Aber Karate ist größer als ein einzelner Verband, ein einzelnes Dojo oder eine einzelne Stilrichtung.
Der Austausch mit anderen Karateka kann helfen, Bewegungen besser zu verstehen, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Fragen zu stellen.
Und genau darum geht es letztlich beim Training:
nicht irgendwann alles zu wissen, sondern immer weiter zu lernen.
„Karate ist ein wertvolles Geschenk, das ich von meinem Großvater, meinem Vater und den Menschen vor mir erhalten habe.“ — Hanshi Akihito Yagi
Diese Haltung war auch beim Seminar in Berlin spürbar: Karate wird von Generation zu Generation weitergegeben – und jeder Karateka trägt Verantwortung dafür, was er daraus macht und an die nächste Generation weitergibt.
Danke für einen besonderen Trainingstag
Das Shinzen Dojo Berlin bedankt sich bei Hanshi Akihito Yagi für die Einblicke in das Meibukan Gōjū-Ryū, die offenen Erklärungen und den persönlichen Austausch.

Für die Teilnehmer war es ein intensiver Trainingstag mit vielen neuen Eindrücken – von Kihon und Kondition über Kata und deren Anwendungen bis hin zu verschiedenen Formen des Yakusoku Kumite.
Vor allem aber war es eine Erinnerung daran, dass Karate nicht nur aus einem Stil besteht.
Wer Karate wirklich liebt, darf neugierig bleiben.
Osu.








